Jens Nerkamp – Porträt eines Langstreckenläufers ohne Netz
Die meisten Läufer, die einen Marathon unter 2:15 Stunden laufen, sind Kaderathleten – gefördert von Polizei, Bundeswehr oder Zoll, mit Trainer, Physio und einem Alltag, der ganz dem Sport untergeordnet ist. Jens Nerkamp war keiner von ihnen. Der Langstreckenläufer aus Kassel organisierte sein Hochleistungstraining jahrelang selbst, neben Studium und Beruf – und stieß trotzdem bis in die nationale Spitze vor.
Geboren am 30. August 1989 im niedersächsischen Garrel, startete Nerkamp später für den PSV Grün-Weiß Kassel. Die hessische Leichtathletik beschrieb ihn einmal treffend als „Läufer, Student, Zeitmanager" – drei Rollen, die er gleichzeitig ausfüllen musste. Ohne die Privilegien einer Sportfördergruppe blieb ihm nichts anderes übrig, als Trainingsumfänge auf Weltklasse-Niveau mit Vorlesungen, Prüfungen und Arbeit unter einen Hut zu bringen. Genau diese Doppelbelastung macht seine Bestzeiten umso bemerkenswerter.
Die Basis auf der Bahn
Bevor die Straße sein Revier wurde, baute Nerkamp auf der Bahn das nötige Fundament. 2014 lief er die 10.000 Meter in 29:16,77 Minuten, 2015 verbesserte er sich über 5000 Meter auf 14:07,28 Minuten. Es sind Zeiten, die das Tempo verraten, das er später über die langen Distanzen so beständig abrufen konnte. Schon hier zeichnete sich ab, dass seine eigentliche Stärke in der Ausdauer und der Fähigkeit lag, ein hohes Tempo lange zu halten.
Der Aufstieg auf der Straße
Den Schwerpunkt verlagerte Nerkamp zunehmend auf die Straße. Am 3. April 2016 lief er in Berlin einen Halbmarathon in 1:04:06 Stunden – eine Zeit auf nationalem Spitzenniveau. Der Halbmarathon wurde zum Sprungbrett für die Königsdistanz, und Nerkamp arbeitete geduldig darauf hin, sein Potenzial auch über die vollen 42,195 Kilometer auf die Strecke zu bringen.
2019: 2:14:54 beim Berlin-Marathon
Sein großer Moment kam am 29. September 2019. Beim Berlin-Marathon lief Jens Nerkamp 2:14:54 Stunden und stellte damit seine persönliche Bestzeit auf – ein Wert, der ihn in jenem Jahr zu den besten deutschen Marathonläufern zählen ließ. Dass er diese Leistung ohne Kaderförderung erbrachte, selbst organisiert und parallel zu seinen beruflichen und akademischen Verpflichtungen, verleiht ihr ein besonderes Gewicht. Berlin, die schnellste Marathonstrecke der Welt, wurde so zum zentralen Ort seiner Laufbahn.
Ein Karriereende mit offener Rechnung
Doch der Körper forderte seinen Tribut. 2020 bremste ihn eine Stressfraktur im Kahnbein aus, und in der Folge mehrten sich die Verletzungen und die Signale, kürzerzutreten. Anfang 2024 gab Nerkamp nach über zwei Jahrzehnten im Laufsport das Ende seiner Leistungssportkarriere bekannt – kein abrupter Schlussstrich, sondern eine reife Entscheidung. Zurück blieb das leise Gefühl, dass mehr drin gewesen wäre: Eine 2:12 im Marathon, hat er einmal gesagt, hätte er sich durchaus zugetraut. Seinen Weg dorthin hatte er offen geteilt – unter anderem als bloggender Läufer, der seine „Road to Berlin Marathon" für andere nachvollziehbar machte.
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